Aufruf

gegen.kontrolle

Kampagne gegen Anwesenheitslisten und Leistungsdruck

Was bisher geschah…

Während des Bildungstreiks 2009 wurde erkämpft, dass sich das Präsidium der Universität offiziell gegen Anwesenheitslisten aussprach. An vielen Instituten verschwanden sie für einige Zeit.

In den letzten Semestern wurden aber trotz erster Listenklauaktionen wieder vermehrt Anwesenheitslisten geführt. Dabei kommunizieren die Dozierenden nicht selten, dass die Anwesenheit eine Pflicht sei und wer mehr als zwei Mal fehle, könne nicht an den Prüfungen teilnehmen. Erst auf direkte Nachfrage gestehen sie ein, dass die Anwesenheitslisten nicht rechtsgültig sind. Trotz dessen entwickelten Dozierende ominöse bis lächerlich anmutende Methoden um die Anwesenheit zu überprüfen: vom einzelnen mündliche Abfragen der Anwesenheit (auch in Veranstaltungen mit bis zu 150 Student*innen) bis hin zu mehreren unangekündigten Tests als Studienleistung (die nicht als bestanden gilt, wenn man mehr als zwei Tests verpasst oder nicht besteht) scheuen die Dozierenden keine Möglichkeit restriktiv Anwesenheit zu erzwingen und zu überwachen.

Warum gegen Anwesenheitslisten und Kontrollmechanismen sein?

In den Seminaren lernen wir oft nichts, was sich nicht auf anderer Ebene angeeignet werden kann. Die AG Prüfung sah das auch, aber anstatt die Anwesenheitspflicht folgerichtig als vollkommen abgeschafft in die Musterprüfungsordnung zu schreiben, erarbeitete sie einen Passus, indem es heißt, dass Anwesenheitspflicht nur noch bestehe, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, die Inhalte zu erlernen. Das betrifft z.B. Labore und sportpraktische Übungen. Hier reicht es aus, die Pflicht im Modulkatalog festzuschreiben und schon kann es wieder für alle Veranstaltungen gelten.

Anwesenheitslisten sorgten dafür, dass die Dozierenden nicht mehr die Studierendenzahlen in ihren Seminaren als Referenz für die Qualität der Lehre nahmen. Wieso auch anders? Ihre Seminare sind voll. Dass dabei nicht die Qualität der Lehre sondern die Credits für die Anwesenheit der Grund sind, wird oftmals ausgeblendet. Denn wer Freitags Morgens um acht ein Seminar besucht muss ja von der Qualität überzeugt sein.

Anwesenheitslisten fragen darüber hinaus lediglich die physische Anwesenheit ab. Ob die Studierenden tatsächlich geistig folgen, kann auf diese Art und Weise nicht geprüft werden. So führen sie ebenso dazu, dass Studierende die Teilhabe an Veranstaltungen als Absitzen verstehen und nicht mehr als Möglichkeit, ihren Wissenstand zu erweitern.

Anwesenheitslisten stellen ein autoritäres Instrument seitens der Dozierenden dar. In Kombination mit steigendem Leistungsdruck in der Universität und der Gesellschaft wird uns Studierenden mit Anwesenheitslisten die letzte Möglichkeit genommen, selbst zu entscheiden, was wir wann und wo lernen möchten. An dieser Stelle wird auch Menschen mit Fürsorgeverantwortung oder Menschen mit (chronischen) Erkrankungen abverlangt, das zu Erlernende, sich nicht zeitlich und räumlich frei anzueignen, sondern dies in dem starren Korsett der Anwesenheitspflichten und Prüfungsordnungen zu tun.

Anwesenheitslisten zwingen die Studierenden also zur Teilnahme an Seminaren, ohne dass dabei ein erkennbarer, für alle gleich anwendbarer Nutzen entsteht. Es gibt eine Vielzahl an Lerntypen: Die Einschätzung, ob das Lernziel am besten durch Anwesenheit, Zuhören, Mitschrift und Gruppendiskussionen oder aber durch selbstständiges Erarbeiten der Inhalte erreicht werden kann, sollte den Studierenden selbst überlassen bleiben.

Im Zuge der Bologna-Reform verkommt das Studium zunehmend zu einer Ausbildung, die nicht dem Erwerb von Wissen, sondern der Erziehung zur gewinnbringenden Verwertung auf dem Arbeitsmarkt dient. In diesem System sind die selbstbestimmte Gestaltung des Lernens und der Lerninhalte (soweit möglich) zwei der letzten verbliebenen Freiräume für Studierende, welche es zu verteidigen gilt.

Wir wollen ein Studium, in dem jede*r nach den eigenen Vorlieben und Veranlagungen lernen kann und darf!

Was wir dagegen tun können?

Wir rufen deshalb alle Studierenden dazu auf, mit ihren Dozierenden Gespräche über den Sinn und Unsinn von Anwesenheitslisten zu führen, bestehende Listen in den Anwesenheitslistenmelder einzutragen und Listen, die ihr findet, im AStA abzugeben.

Alle Studierenden, die nicht von Anwesenheitslisten betroffen sind, rufen wir dazu auf, sich mit ihren Kommiliton*innen zu solidarisieren.

Für jede Liste, die ihr gefunden habt und im AStA-Fundbüro abgebt, erwartet Euch ein angemessener Finderlohn, solange der Vorrat reicht.

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